NABU: Gehölzmanagement in Emder Vogelschutzgebieten wird begrüßt – Uferschnepfe und Co. kämpfen ums überleben

„Wir brauchen mehr Wertschätzung für die Offenlandschaften Ostfrieslands!“

Aurich / Emden. – Die von der Stadt Emden für den Schutz der Wiesenvögel in den auf dem Stadtgebiet liegenden EU-Vogelschutzgebieten Ostfriesische Meere und Krummhörn geplante punktuelle Entfernung von Gehölzen, um vorm Aussterben bedrohte Arten, wie z.B. die Uferschnepfe vor Prädatoren zu schützen, werden von der Ökologischen NABU-Station Ostfriesland (ÖNSOF) ausdrücklich begrüßt. Dies erklärte jetzt anlässlich der in Emden daran lautgewordenen Kritik deren Leiter Michael Steven. „In der Fachwelt gibt es Einigkeit darüber, dass die Maßnahmen zur Qualitätssicherung der für die Vogelwelt äußerst wichtigen Offenlandschaften dringend erforderlich sind.“ betont der Biologe. Sie könnten allerdings nur der Anfang dafür sein, die Lebensräume der wertbestimmenden Vogelarten in den Vogelschutzgebieten wieder in einen guten Zustand zu bringen. Dies sei derzeit überhaupt nicht der Fall.

 

Zur Erinnerung: Bereits Anfang der 1990er Jahre beschlossen die EU-Mitgliedstaaten, für das Überleben von Arten und Lebensräumen, für die Europa eine herausragende Verantwortung weltweit trägt, durch die Ausweisung von Schutzgebieten und Vorgaben für deren Qualitätssicherung die Voraussetzungen zu schaffen. In den EU-Vogelschutzgebieten „Ostfriesische Meere“ und „Krummhörn“ sind dies insbesondere die Wiesenvögel wie Uferschnepfe, Kiebitz oder Rotschenkel. Für diese „wertbestimmenden Arten“ wurden diese Gebiete ganz wesentlich mit ausgewiesen. Sie mussten sowohl bundesweit als auch regional in den einzelnen Gebieten starke Bestandsrückgänge hinnehmen. Insbesondere reicht auch der Bruterfolg nicht aus, um ein Überleben der Arten sicher zu stellen.

 

Besonders im Fokus steht die Uferschnepfe, um deren Überleben sich die Naturschützer als vom Aussterben bedrohte Art (= Rote Liste 1; danach kommt nur noch RL 0 = „Ausgestorben“) besondere Sorgen machen. Sie ist besonders auf die weiten Offenlandschaften angewiesen, denn sie hält in der Regel intuitiv mehr als 250 m Abstand zu Gehölzbeständen. Selbst durch mit hohem Schilf bewachsene Gräben in der weiten Sicht eingeschränkte Flächen werden gemieden, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Somit gingen der Uferschnepfe durch das Aufkommen der Gehölze bereits große potentielle Brutgebiete verloren. Das Meidungsverhalten zu allen höheren Geländestrukturen hat seinen guten Grund: Brütet sie in deren Nähe, gefährdet sie sich und ihr Gelege sowie später ihre Küken. Fressfeinde wie Rabenkrähen, Mäusebussarde, Sperber und Habicht nutzen die erhöhte Aussicht von Gebüschen und Bäumen, um Eier, Küken und im Falle der Greifvögel sogar die Altvögel, auszuspäen und um sie dann zu erbeuten. Zudem geben Gehölz- und Schilfstreifen Raubsäugern wie Fuchs, Steinmarder, Marderhund und Hermelin Deckung, so dass diese stark in ihren Populationen angewachsenen Fressfeinde direkt in die Wiesenbrüterlebensräume geführt werden. Zu hohe Gelege- und Kükenverluste durch Fressfeinde gelten nach gesicherten wissenschaftlichen Untersuchungen selbst in sonst günstigen Lebensräumen als entscheidender Faktor dafür, dass nicht ausreichend Jungvögel flügge werden können.

 

Aus diesem Grunde sind die jetzt von der Stadt Emden geplanten Maßnahmen zur Beseitigung des aufgekommenen Gehölzjungwuchses sowie einiger besonders negativ wirkender Bäume von größter Bedeutung, um die Wiesenbrüterlebensräume in einen günstigeren Zustand zu überführen. Sie wurden in einem differenzierten Abwägungsprozess und unter Berücksichtigung der im von der Stadt Emden eingerichteten Runden Tisch gemachten Vorgaben für eine Zustimmung von Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen der Ökologischen NABU-Station Ostfriesland (ÖNSOF) ausgearbeitet. Die ÖNSOF hatte sich an der Ausschreibung der Projektleitung für das von der Stadt Emden betriebene Wiesenvogelschutzprojekt beworben, um eine Sicherstellung der Umsetzung zu gewährleisten. Trotz öffentlicher Ausschreibung durch die Stadt hatte sich kein Planungsbüro um die Projektleitung mit einem Angebot beworben. 

 

 In Bezug auf die in der Presse berichtete Menge von 500-1000 zur Beseitigung vorgesehenen Bäumen sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Ausschreibung der Stadt Emden ganz überwiegend kleine Gehölze (sog. Aufschläger mit einem Stammdurchmesser von unter 8 cm) und solche Gehölze, die sich in der Nähe von guten Brutgebieten befinden, umfasst hat. Nach Beurteilung durch die ÖNSOF ist die kritisierte Auswirkung der Gehölzbeseitigung auf den Klimaschutz vollkommen zu vernachlässigen. Der Schutz der in den Moormarsch unter der Kleischicht liegenden organischen Böden vor Austrocknung und zu starker Entwässerung ist dafür viel gravierender. Hier wird der Schutz der Wiesenvögel durch die künftig ebenfalls erforderliche Anhebung von Bodenwasserständen sowie die Förderung der Weidehaltung in Schutzflächen zu einem vielfach höheren Beitrag für den Klimaschutz führen. Des Weiteren beabsichtigt die Stadt entsprechende Bäume durch Ersatzbepflanzungen zu ersetzen.

 

Vor diesem Hintergrund wirbt die ÖNSOF für eine differenzierte Betrachtung mit der notwendigen Prioritätensetzung für die Wiesenvögel in den Schutzgebieten. Ebenso wie die Wiesenvögel gehören die weiten Offenlandschaften zur ostfriesischen Identität und müssen nicht zuletzt als auch für den Tourismus wertvolle Kulturlandschaft erhalten bleiben. Die Wertschätzung der Bevölkerung für diese Landschaften wird am Ende mit darüber entscheiden, ob Uferschnepfe & Co eine Überlebenschance in Ostfriesland behalten. Aufgrund ihrer europaweit herausragenden Biodiversität haben sie es verdient.

 

 

 

Für Rückfragen:

 

Michael Steven, Leiter der Ökologischen NABU-Station Ostfriesland, Tel.: 0172-5146633, E-Mail: Michael.Steven@NABU-Station-Ostfriesland.de

 

Meldung vom 05.10.2021